Klasse 9 · Arbeitsheft zur Reihe

Wem gehört deine Zukunft?

Schulpflicht, Würde und der Unterschied zwischen Müssen und Können

Bevor du anfängst

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Der Zwang

Warum wird ein Recht mit Zwang durchgesetzt?

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Ein Gedankenexperiment

Stell dir vor, die Schulpflicht in Sachsen wird morgen abgeschafft. Niemand muss mehr in die Schule. Niemand wird kontrolliert. Niemand bekommt Ärger.

Wie die Schulpflicht entstand

Als in Preußen 1717 zum ersten Mal angeordnet wurde, dass Kinder zur Schule gehen sollen, passierte zunächst wenig. Es gab kaum Schulhäuser und fast keine ausgebildeten Lehrer.

1763 wurde es ernster: Ein Erlass verpflichtete alle Kinder zwischen 5 und 13 Jahren zum Schulbesuch. Jetzt regte sich Widerstand — allerdings nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Bauernfamilien brauchten ihre Kinder auf dem Feld. Ein Kind, das im Klassenzimmer saß, fehlte bei der Ernte.

Mit der Industrialisierung wurde es schlimmer. In den Fabriken arbeiteten Kinder ab sechs Jahren, zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, oft an gefährlichen Maschinen. Sie waren billig, und ihre kleinen Hände kamen an Stellen, an die Erwachsene nicht herankamen. Für die Fabrikbesitzer war Schulpflicht ein Ärgernis: Sie nahm ihnen die günstigsten Arbeitskräfte weg.

1839 verbot Preußen die Fabrikarbeit für Kinder unter neun Jahren. Und es koppelte die Arbeit an die Schule: Wer beschäftigt werden wollte, musste drei Jahre Schulbesuch nachweisen oder wenigstens lesen und schreiben können.

Angestoßen hatte das ein Bericht der Armee. Ein General hatte 1828 gemeldet, dass aus den Fabrikgegenden zu wenige junge Männer tauglich für den Militärdienst waren — zu klein, zu schwach, verwachsen von der Arbeit. Durchgesetzt haben das Gesetz dann aber andere: preußische Beamte, die sahen, dass die Fabriken ihnen die Schulen leerten. Der eine wollte Soldaten, der andere wollte volle Klassenzimmer. Dass es den Kindern nützte, war nicht der Zweck — es war das Ergebnis.

1919 machte die Weimarer Reichsverfassung die Schulpflicht erstmals im ganzen Land verbindlich. Von da an galt: Kein Kind darf von Bildung ausgeschlossen werden — auch nicht von den eigenen Eltern, auch nicht von einem Arbeitgeber.

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Wer wollte was?

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Ein einziger Satz

Bildung heute: erst das Recht, dann die Pflicht

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 26
„Jeder hat das Recht auf Bildung." Der Grundschulunterricht ist kostenlos und verpflichtend.
UN-Kinderrechtskonvention, Artikel 28
Die Staaten erkennen das Recht des Kindes auf Bildung an und machen den Grundschulbesuch für alle zur Pflicht.
Sächsisches Schulgesetz, § 26 und § 28
Schulpflicht gilt für alle, die in Sachsen wohnen. Die Vollzeitschulpflicht — also der Besuch einer normalen Schule — dauert neun Schuljahre. Danach kommt die Berufsschulpflicht: In der Regel drei weitere Jahre, in denen man neben einer Ausbildung zur Berufsschule geht.
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Die Reihenfolge

Wo Bildung fehlt

273 Mio.
Kinder und Jugendliche weltweit gehen nicht zur Schule — jedes sechste Kind im Schulalter.
UNESCO, 2026
138 Mio.
Kinder von 5 bis 17 Jahren arbeiten, statt zu lernen. 54 Millionen davon unter gefährlichen Bedingungen.
ILO und UNICEF, 2025
2,2 Mio.
Mädchen in Afghanistan dürfen seit 2021 nicht über Klasse 6 hinaus zur Schule gehen.
UNICEF, 2025
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Deine Vermutung

Merksatz 1

Die Schulpflicht nimmt nicht dir deine Freiheit.

Sie nimmt anderen das Recht, über deine Bildung zu bestimmen.

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Hausaufgabe

Frag einen Erwachsenen, den du gut kennst: „Was hättest du in der Schule gern besser gelernt — und was fehlt dir heute deswegen?"

Jede Antwort zählt, auch „mir fehlt nichts".

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Der Wert

Was ist ein Mensch wert — und was hat das mit Leistung zu tun?

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Vier Sätze

Wie sehr stimmst du zu? Kreuze still und allein an. Es gibt keine richtige Lösung, und niemand sieht deine Antworten.

1 = stimme gar nicht zu  ·  4 = stimme voll und ganz zu

Eine Frage, ganz ernst gemeint

Wer von diesen vier Menschen ist weniger wert?

Ein Neugeborenes
Es kann nichts und leistet nichts.
Dein Urgroßvater mit Demenz
Er erkennt dich nicht mehr.
Eine Frau, die seit ihrer Geburt nicht arbeiten kann
Sie wird nie einen Beruf ausüben.
Ein Mann, der seit zehn Jahren arbeitslos ist
Er findet nichts mehr.

Wenn deine Antwort „niemand" lautet, dann kann „Wert" nicht dasselbe bedeuten wie „Leistung".

Grundgesetz, Artikel 1, Absatz 1

„Die Würde des Menschen ist unantastbar."

unantastbar heißt: Niemand darf sie dir wegnehmen. Kein Gericht, kein Chef, keine Regierung, kein Mitschüler. Sie ist da, seit du geboren wurdest, und sie wird nicht größer, wenn du gute Noten schreibst, und nicht kleiner, wenn du sitzenbleibst.

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Zwei Wörter, die ständig verwechselt werden

Umgangssprachlich sagen wir zu beidem „Wert". Gemeint sind aber zwei völlig verschiedene Dinge. Trag ein, was in der Stunde herausgekommen ist:

Handlungsspielraum heißt: alles, was du tun kannst, ohne vorher jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen. Wie viele Türen dir offenstehen.

Handlungsspielraum — was das im Alltag heißt

Zwei Menschen, gleich alt, gleich viel wert. Der eine hat einen Abschluss und eine Ausbildung, der andere nicht.

Der Chef behandelt dich schlecht
Der eine kann kündigen, weil er weiß, dass er etwas anderes findet. Der andere bleibt und hält es aus.
Die Firma macht dicht
Der eine sucht sich drei Monate lang etwas Neues. Der andere sucht drei Jahre.
Du willst wegziehen
Der eine kann überallhin, wo es Arbeit gibt. Der andere muss bleiben, wo man ihn nimmt.
Dein Kind braucht Hilfe bei den Hausaufgaben
Der eine kann helfen. Der andere muss sagen: Das kann ich nicht.

Das ist der Unterschied. Nicht wer mehr wert ist, sondern wer mehr Auswahl hat.

Arbeitslosenquote in Deutschland, 2024

Quote heißt hier: Von 100 Menschen mit dieser Ausbildung sind so viele ohne Arbeit.

ohne Berufsabschluss 20,9 %
mit abgeschlossener Berufsausbildung 3,4 %
mit Studium 2,9 %
alle zusammen 6,0 %

Quelle: Bundesagentur für Arbeit / IAB, Jahreszahlen 2024.

Anders gesagt: Nimm 100 Leute ohne Abschluss — rund 21 davon haben keine Arbeit. Nimm 100 mit Ausbildung — es sind 3. Und jetzt schau genau hin: Zwischen Ausbildung und Studium liegt fast nichts. Der große Sprung liegt nicht zwischen Abi und Lehre. Er liegt zwischen „irgendeine Qualifikation" und „gar keine".

Was sich über ein ganzes Arbeitsleben summiert

Lebensentgelt heißt: alles Geld, das jemand von der ersten bis zur letzten Arbeitsstunde seines Lebens verdient, zusammengerechnet (brutto).

ohne Berufsabschluss 1,45 Mio.
mit Berufsausbildung 1,69 Mio.
Meister, Techniker, Fachwirt 2,23 Mio.
mit Studium 2,52 Mio.

Quelle: IAB-Kurzbericht 18/2022. Durchschnittswerte für Menschen in Vollzeit; die Studie hat Männer untersucht.

Der Abstand zwischen der ersten und der dritten Zeile beträgt rund 780 000 Euro — ein Haus mit Garten, bar bezahlt. Und der dritte Balken gehört nicht den Studierten: Er gehört den Meistern und Technikern, also Leuten, die eine Ausbildung gemacht und danach weitergemacht haben.

Und in Sachsen?

Im Schuljahr 2024/25 haben 3 210 Jugendliche in Sachsen die Schule ohne jeden Abschluss verlassen — so viele wie noch nie. Das sind rechnerisch etwa 130 Schulklassen. Oder: mehrere Schulen von der Größe eurer eigenen, komplett.

Niemand von ihnen hat das mit 15 Jahren so geplant.

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Was die Zahlen sagen — und was nicht

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Zurück zu den vier Sätzen

Sieh dir noch einmal deine Antworten bei B und C an. Bei B haben die meisten hoch angekreuzt: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Bei C ebenfalls: Mein Wert hängt von meiner Leistung ab.

Merksatz 2

Deine Würde ist nicht verhandelbar.

Deine Möglichkeiten schon — und darüber entscheidest du.

Freiheit ist nicht, keine Regeln zu haben. Freiheit ist die Anzahl der Türen, die dir offenstehen.

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Die Entscheidung

Was willst du können — und wer entscheidet das?

Deine Optionen-Landkarte

Nicht: Was willst du werden? — diese Frage verlangt einen Berufsnamen, den die wenigsten mit fünfzehn schon haben.

Sondern: Was willst du können? — die lässt sich immer beantworten.

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In zehn Jahren

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Was dafür nötig ist

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Was du schon hast

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Dein Engpass

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Dein nächster Schritt

Ein einziger Schritt, den du in den nächsten vier Wochen tust. Er muss vier Bedingungen erfüllen:

Klein
So klein, dass du ihn auch an einem schlechten Tag schaffst.
Konkret
„Mehr lernen" zählt nicht. „Dienstags 20 Minuten Vokabeln" zählt.
Überprüfbar
In vier Wochen muss man mit Ja oder Nein sagen können, ob du ihn getan hast.
Deiner
Nicht der, den deine Eltern gut fänden. Deiner.

Partnercheck

Lies deinem Nachbarn deinen Schritt vor. Er stellt nur eine einzige Frage: „Kann man in vier Wochen sehen, ob du es getan hast?"

Wenn die Antwort Nein lautet, formuliere neu — kleiner und genauer.

Der Brief an dein zukünftiges Ich

Diesen einen Teil machst du mit der Hand, auf Papier. Du bekommst ein Blatt und einen Umschlag.

Du schreibst an die Person, die du am Tag deines Schulabschlusses sein wirst. Niemand liest den Brief — auch deine Lehrkraft nicht. Danach faltest du ihn, klebst den Umschlag zu und schreibst deinen Namen darauf. Die Briefe werden bis zu eurem letzten Schultag verwahrt und dann ungeöffnet zurückgegeben.

Deshalb auf Papier: In ein paar Jahren deine eigene Handschrift von heute zu sehen, ist etwas völlig anderes, als eine Datei zu öffnen.

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Unser Klassenvertrag

In Vierergruppen: Formuliert zwei Sätze, die ab jetzt für eure Klasse gelten sollen.

Regel 1
Jeder Satz beginnt mit „Wir …".
Regel 2
Jeder Satz beschreibt etwas, das man sehen kann — keine Gefühle.
Härtetest
Könnte ein Fremder von außen erkennen, ob wir uns daran halten?

Beispiele: „Wir lachen niemanden aus, der etwas nicht kann." · „Wir fragen nach, statt abzuschreiben."

Merksatz 3

Niemand kann dir das Lernen abnehmen.

Und genau deshalb kann dir auch niemand nehmen, was du gelernt hast.